Halberstadts getilgtes jüdisches Erbe: Wie die DDR Erinnerung unterdrückte
Lukas FrankeHalberstadts getilgtes jüdisches Erbe: Wie die DDR Erinnerung unterdrückte
Ein neues Buch des Historikers Philipp Graf untersucht das getilgte jüdische Erbe Halberstadts in der DDR-Zeit. Seine Forschung zeigt, wie das Regime jüdische Kulturspuren ignorierte oder unterdrückte – trotz antifaschistischer Bekenntnisse. Den Anstoß für die Untersuchung gab ein Grundstücksverkauf 2018 in der Stadt, der antisemitische Untertöne auslöste: Von einem angeblichen „Verkauf an die Juden“ war die Rede.
Halberstadt war einst ein blühendes Zentrum des neorthodoxen Judentums. Zwischen 1938 und 1942 wurde die jüdische Gemeinde systematisch vernichtet, beginnend mit der Zerstörung der Synagoge 1938. Pfarrer Martin Gabriel von der Liebfrauenkirche bezeichnete dieses Ereignis später als den Anfang vom „Auseinanderbrechen der Stadt“.
1949 entstand am ehemaligen Konzentrationslager Langenstein-Zwieberge bei Halberstadt eine Gedenkstätte – zunächst für die Opfer von Zwangsarbeit. 1969 wurde sie jedoch zu einem Ort politischer Treuebekundungen umgestaltet. Unter ihr lagen unmarkierte Gräber von Häftlingen. In den 1970er-Jahren nutzte die Nationalen Volksarmee der DDR die Lagerstollen als militärisches Depot.
In seinem Buch „Verweigerte Erinnerung“ argumentiert Graf, dass die antifaschistische Rhetorik der DDR das jüdische Erbe nicht bewahrte. Zwar prägten Persönlichkeiten wie die Sängerin Lin Jaldati oder die Schriftsteller Peter Edel und Jurek Becker das kulturelle Leben, doch ihr Wirken blieb randständig. Das System, so Graf, ließ kaum Raum für echte Erinnerung oder Aufarbeitung.
Das Werk fordert zudem eine Neubewertung alter Analysemethoden, die sowohl rechten als auch linksautoritären Antisemitismus untersuchen. Graf betont, dass die Ansätze von 1949 und 1989 bis heute relevant sind, um diese Ideologien zu bekämpfen.
Grafs Erkenntnisse belegen eine gezielte Auslöschung jüdischen Erbes in Halberstadt unter der DDR. Sein Buch dokumentiert nicht nur diesen Verlust, sondern mahnt eine kritische Auseinandersetzung an, wie solche Geschichten damals wie heute verdrängt werden. Die Arbeit ist eine Mahnung: Antisemitismus zu begegnen, erfordert mehr als symbolische Gesten oder veraltete Denkraster.






