Sachsen-Anhalt verliert Fachkräfte: Warum immer mehr Pendler das Land verlassen
Lukas FrankeAnzahl der Pendler in Sachsen-Anhalt leicht gesunken - Sachsen-Anhalt verliert Fachkräfte: Warum immer mehr Pendler das Land verlassen
Sachsen-Anhalt steht vor langfristigen wirtschaftlichen und demografischen Herausforderungen, die die Arbeitswelt der Region grundlegend verändert haben. Seit den 1990er-Jahren verzeichnet das Bundesland einen stetigen Rückgang traditioneller Industrien, der viele Einwohner dazu zwingt, über die Landesgrenzen hinweg nach Arbeit zu suchen. Aktuelle Zahlen zeigen: Fast jeder fünfte Erwerbstätige pendelt mittlerweile in benachbarte Bundesländer – während die Bevölkerung weiter schrumpft und überaltert.
Die einst starke Industriebasis, geprägt von Fertigung und Chemie, hat über Jahrzehnte an Bedeutung verloren. Die Löhne bleiben niedrig: Im Schnitt verdienen Beschäftigte hier 3.200 Euro monatlich, verglichen mit 4.100 Euro im Bundesdurchschnitt (Stand 2024). Diese Lücke sowie Fachkräftemangel in Branchen wie Automobilbau, Logistik und IT treiben viele Arbeitnehmer in Regionen mit höheren Einkommen. Offizielle Daten aus dem Jahr 2023 belegen, dass etwa 25 Prozent der Erwerbstätigen täglich in wirtschaftsstärkere Bundesländer wie Sachsen, Thüringen oder Berlin pendeln.
Auch die Einwohnerzahl ist dramatisch gesunken: von 2,7 Millionen im Jahr 1990 auf voraussichtlich 2,18 Millionen 2025 – ein Verlust von 19 Prozent. Mit einem Medianalter von 48 Jahren (bundesweit: 45) kämpft die Region darum, junge Fachkräfte zu halten. Zwischen 2020 und 2024 verlor Sachsen-Anhalt jährlich rund 15.000 Einwohner durch Abwanderung, was den Fachkräftemangel in Bereichen wie Ingenieurwesen und Gesundheitsversorgung weiter verschärft.
Bis 2024 hatte sich das grenzüberschreitende Pendeln stark ausgeweitet: 180.000 Beschäftigte arbeiteten außerhalb des Landes, die meisten in Sachsen, Niedersachsen oder Thüringen, während etwa 5.400 aus dem Ausland einpendelten. Besonders betroffen von der Abwanderung waren qualifizierte Kräfte in Produktion, Einzelhandel, Transport und Baugewerbe. Im Juni 2025 waren noch rund 148.000 Beschäftigte aus Sachsen-Anhalt in anderen Bundesländern tätig – ein leichter Rückgang um 600 im Vergleich zum Vorjahr.
Auch das Zupendeln aus anderen Regionen geht zurück: 2025 arbeiteten etwa 75.700 Menschen aus anderen Bundesländern in Sachsen-Anhalt – weniger als in den Jahren zuvor. Die Gesamtzahl der Grenzpendler, sowohl ein- als auch ausgehend, ist leicht gesunken.
Die Entwicklungen unterstreichen die anhaltenden Probleme Sachsen-Anhalts mit wirtschaftlichem Niedergang und Überalterung. Angesichts fehlender lokaler Arbeitsplätze und höherer Löhne anderswo bleibt das Pendeln für viele Beschäftigte eine Überlebensstrategie. Der leichte Rückgang bei den Grenzpendlern deutet zwar auf veränderte Beschäftigungsmuster hin – die strukturellen Herausforderungen der Region bestehen jedoch fort.