Vom Täter zum Verurteilten: Wie ein DDR-Staatsanwalt selbst hinter Gitter kam
Lukas FrankeVom Täter zum Verurteilten: Wie ein DDR-Staatsanwalt selbst hinter Gitter kam
Der ehemalige DDR-Staatsanwalt Ekkehard Kaul wurde 1998 wegen seiner Rolle bei der politischen Unterdrückung während des Kalten Krieges zu einer Haftstrafe verurteilt. Seine Verurteilung erfolgte Jahre, nachdem er 1983 das Ehepaar Peter und Heidi Niebergall wegen "staatsfeindlicher Hetze" angeklagt hatte. Der Fall wurde später Teil einer Autobiografie, die die Brutalität des SED-Regimes in der DDR aufdeckte.
Peter Niebergalls Konflikte mit dem DDR-Staat begannen jedoch lange vor seiner Verhaftung. 1968 erlebte er die sowjetische Invasion in der Tschechoslowakei während des Prager Frühlings mit – ein Ereignis, das seine Enttäuschung über den Kommunismus vertiefte. Anfang der 1980er-Jahre beschlossen er und seine Frau Heidi, in die Bundesrepublik überzusiedeln. Ihr Ausreiseantrag führte am 6. August 1983 zu ihrer Festnahme durch die Stasi.
Staatsanwalt Ekkehard Kaul erhob Anklage gegen das Paar und warf ihnen vor, den Staat untergraben zu haben. Am 27. Oktober 1983 verurteilte das Bezirksgericht Berlin-Pankow Peter Niebergall zu einem Jahr und zwei Monaten Haft. Über Heidis Schicksal in diesem Verfahren ist weniger überliefert.
Jahre später musste sich Kaul selbst vor Gericht verantworten. Am 20. November 1998 verurteilte ihn das Landgericht Berlin wegen Rechtsbeugung und Freiheitsberaubung zu einer Haftstrafe von einem Jahr und drei Monaten. Das Urteil unterstrich die Willkür des DDR-Justizsystems.
Niebergall veröffentlichte später "Wir wollten raus" – eine Autobiografie, in der er seine Erfahrungen unter der SED-Diktatur schildert. Das Buch kritisiert die Verletzungen demokratischer Grundsätze durch das Regime und zieht Parallelen zwischen den Protesten in der DDR und modernen Bewegungen wie den Montagsdemonstranten. Es ist zugleich ein persönliches Zeugnis und eine grundsätzliche Anklage gegen den "real existierenden Sozialismus".
Abgesehen von seiner Verurteilung 1983 gibt es keine öffentlichen Aufzeichnungen über Niebergalls Engagement in politischen oder gesellschaftlichen Aktivitäten vor seinem Tod 2023. Seine Autobiografie bleibt eines der wenigen dokumentierten Zeugnisse seines Widerstands.
Die Verurteilung Ekkehard Kauls 1998 stand für eine verspätete Aufarbeitung der Justizverbrechen der DDR. Niebergalls Buch "Wir wollten raus" bleibt eine wichtige Chronik der Unterdrückung durch das SED-Regime und der persönlichen Kosten von Widerstand. Es bietet bis heute Einblicke in das Scheitern des SED-Staates und die langfristigen Folgen für die Menschen, die unter ihm lebten.






